Die Dörfer der Pfarre Fleyh 1650-1670
Ein Beitrag zur Geschichte des böhmischen Erzgebirges

Autor: Günter Kallinovsky
Erstveröffentlichung im September 2002

Stichworte:
Familienforschung, Genealogie, Preissler, Preißler,
Gegenreformation, Böhmen, Erzgebirge, Fleyh.


Im Zuge meiner Familienforschung habe ich mich im besonderen mit der Geschichte der Dörfer der Pfarre Fleyh befaßt und möchte mit meinem nachstehenden Beitrag einige Ergänzungen und Berichtigungen zu bisherigen Darstellungen vornehmen.


Zur geographischen Abgrenzung :

Wenn im folgenden von den Bewohnern der Pfarre Fleyh gesprochen wird, so sind immer die Bewohner von Fleyh, Motzdorf, Georgen(s)dorf und Willersdorf gemeint, obwohl man richtigerweise von der späteren Pfarre Fleyh sprechen müßte, denn die katholische Pfarre Fleyh wurde erst 1670 wiedererrichtet.
(Feierliche Installation des 1. Pfarrers von Fleyh, Tobias Alex. Max. Herrmann, am 23. Okt. 1670).
Andere katholische Pfarren gab es in diesem Gebiet in den Jahrzehnten davor de facto nicht und die Duldung lutherischer Pastoren war den Herrschaftbesitzern seit 1649 sowieso verboten.
Die genannten Dörfer gehörten zur Herrschaft Dux der Familie v. Waldstein.

Analoges gilt für die Nachbarpfarre Moldau, bestehend aus Moldau, Grünwald, Ullersdorf, Niklasberg und Neustadt. Der erste kath. Pfarrer von Moldau, Martin Johann Gebhard, wurde am 21. Juni 1670 feierlich installiert und versah bis zum 23. Okt. 1670 auch das Fleyher Kirchspiel.
Moldau, Grünwald, Ullersdorf und Neustadt gehörten zur Herrschaft Liebschhausen der Familie v. Lobkowitz, Niklasberg zur Herrschaft Bilin der Familie v. Lobkowitz.

Die ebenfalls am Plateau des Erzgebirges gelegene Ortschaft Langenwiese gehörte zur Herrschaft Dux, kam aber 1670 nicht zur Pfarre Fleyh, sondern war und blieb bei Ossegg.


Zur zeitlichen Abgrenzung :

Ab 1650 gibt es für den Familienforscher einige interessante Dokumente, die einen Überblick über Bevölkerungsstruktur und katholische Reform im Gebiet der späteren Pfarre Fleyh zulassen. U. a. Pfarrberichte und div. Berichte der kath. Reformationskommissäre (siehe J. Schlenz), ab 1652 die Oberleutensdorfer Weglaßbriefe 1 und 1654 die Berni Rula (Steuerrolle).

Zur Zeit der Berni Rula 1654 war fast die gesamte Bevölkerung der Pfarre Fleyh lutherisch. Ende 1670 war die „Bekehrung” der Protestanten abgeschlossen. Es gab, von einigen Ausnahmen abgesehen, nur mehr Katholiken.


Ziel dieses Beitrages :

Frank Preissler zitiert in seinem Artikel : Fleyh - Erinnerungen an eine verlorene Heimat 2 den letzten Bürgermeister von Fleyh, Josef Straßberger, wie folgt :

„Um die Mitte des 16. Jhdts. wurde Fleyh ........ protestantisch und blieb es bis zur Gegenreformation, die unter dem Grundherrn Fürsterzbischof Joh. Friedr. v. Waldstein 1667/70 ohne Anwendung von Gewaltmittel erfolgte. Mehrere Familien flüchteten wohl nach Sachsen, jedoch der weitaus größere teil der Einwohner blieb in der Heimat.”

Die Gewaltlosigkeit wurde bereits von Frank Preissler in Frage gestellt. Ich möchte noch einmal auf diesen Punkt eingehen und außerdem versuchen, die Frage zu beantworten, wieviele Familien tatsächlich nach Sachsen geflüchtet und wieviele Bewohner zum Katholischen Glauben übergetreten sind (besser gesagt: übergetreten wurden).

Ich sehe daher meinen Beitrag als Ergänzung zu dem von Frank Preissler.


Die religiöse Situation 1650-1670

Außer Streit stehen dürfte, daß fast die gesamte Bevölkerung der Pfarre Fleyh noch in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts evangelisch war. Im Dorfe Fleyh wurde sogar 1653 ein neues Bethaus - wenn auch nur als einfacher, viereckiger Holzbau - von der lutherischen Bevölkerung errichtet. Dieses Bethaus ist aber auch ein Indiz dafür, dass ihre alte, 1563 3 erbaute Holzkirche nicht mehr verwendet werden durfte und auch nicht mehr verwendet wurde. Die berühmte Kirche verfiel und muß 1669, als von katholischer Seite mit der Renovierung begonnen wurde, in einem bereits ziemlich desolaten Zustand gewesen sein. Die Kirche wurde 1670 Kath. Pfarrkirche (Johannes der Täufer), aber erst 1671 konnte der Turm der Kirche fertiggestellt, eine größere Glocke aus Freiberg in Sachsen nach Fleyh gebracht und ein neuer Tabernakel angeschafft werden.4

Es ist überliefert, dass die überwiegend evangelische Bevölkerung von Moldau, Grünwald, Ullersdorf, Neustadt und Motzdorf die Gottesdienste im sächsischen Hermsdorf besuchte.5
Von den übrigen Dörfern der Pfarre Fleyh kann angenommen werden, dass zumindest die Einwohner von Georgensdorf an den Gottesdiensten im nahegelegenen sächsischen Kämmerswalde teilnahmen.

Sowohl in den Dörfern der späteren Pfarre Moldau, wie auch in den Dörfern der späteren Pfarre Fleyh waren bis zur vollständigen Rekatholisierung der Bevölkerung lutherische Prädikanten aktiv.
Gleichzeitig bemühten sich katholische Missionare um die Bekehrung der lutherischen Bevölkerung.
(In Moldau Zisterzienser aus Ossegg und Missionare aus dem Jesuitenorden, in Fleyh Jesuiten und vom 24. Juni 1667 bis 24. Juni 1670 die von Friedrich Graf v. Waldstein geholten Kapuziner. Genauere Angaben über die Missionare bei Joh. Schlenz.)

Es ist sicher richtig, dass die massive Bekehrung der lutherischen Bevölkerung erst 1667 bis 1670 unter Johann Friedrich Graf v. Waldstein-Wartenberg, dem späteren Erzbischof von Prag, stattfand. Wenn aber Frank Preissler meint, dass es in den Jahren davor, also unter dessen Vater, Maximilian Graf v. Waldstein, in Fleyh und in den Nachbardörfern Glaubensfreiheit gab, so sei darauf hingewiesen, dass die luth. Bewohner der Pfarre Fleyh ihre Kirche und ihren Friedhof nicht benutzen durften. Soweit es möglich war, ließen sie ihre Kinder in Sachsen taufen. Ihre Toten begruben sie auf den Feldern!6 Auch unter Maximilian flüchteten viele Familien nach Sachsen.
Bei oberflächlicher Durchsicht der Bergmann'schen Exulantenbücher fand ich mindestens 14 Familien mit insgesamt 68 Personen aus den Dörfern der Pfarre Fleyh, die in den Jahren 1659 bis 1661 ihre Heimat verlassen haben.

Wie spielten sich nun solche Bekehrungen ab, wenn den Grundherren die Tätigkeiten der Missionare nicht effizient genug waren ?

Viktor Karell schreibt dazu in seinem Buch „Das böhmische Erzgebirge”:

.....Schonungslos wurde gegen alle Protestanten, die sich weigerten, zur katholischen Kirche zurückzukehren, vorgegangen. Mit Säbelhieben zwangen Bekehrungsdragoner die Leute, in die Messe zu gehen, blutig geschlagen wurden sie aus ihren evangelischen Gottesdiensten gejagt und ihre hölzernen Altarkelche zertreten.....

Dazu paßt die protokollierte Aussage des Caspar Hehrklotz aus dem Teichhause 7 nächst der Böhmischen Mulda (= Moldau) vom 18. März 1667. Er berichtete,
wie daß nunmehro die Evangelischen Leuthe uff der Böhmischen Grenze, so viel deren nicht ausgewichen, mit Gewalt durch Soldaten zur Papistischen Religion wären gezwungen worden. Am vergangenen Sonnabend frühe wann erst alle das Mannsvolck von B. Mulda, Neustadt und Uhlersdorff durch Soldaten zusammen in die Kirche getrieben und hätten communiciren müssen. Gestern Dom. Laetare wäre auch vollends das Weibsvolck herzugeholt und zu beichten gezwungen worden, also daß sich gar niemand erwehren können, sinteman der Billinische Hauptmann unterschiedene Musquetierer, auch Reuther darzu gebraucht, auch viel Nicolsberger Bürger mit gewehr uff B. Mulda bestellet, die mit bloßen Degen das Volck aus denen Häußern herausgeholet und übel mit Schlägen tractiret, auch etliche, die sich nicht flug darzu bequemen wollen, in freien Felde herumbgejaget, also daß daß niemand entrinnen können. Es wäre von den armen Leuthen ein solch erbärmlich Heulen und Schreien gewesen, daß man es wie weit hierüber gehöret. Weder alt noch jung wären verschonet worden, auch 70- und 80 jährige Männer und Weiber hätten beichten und communiciren müssen. Es solten auch die Papisten nach einen Evangelischen Mann, der ausreißen wollen, geschossen haben und von solchem Schuß wären 3 Wölffe, die der Ober- und Unterförster Poppe und Töpel in Stallung gehabt, durchgegangen.8

Auch in der Pfarre Fleyh dürfte ab 1667 der Druck auf die evangelische Bevölkerung stark erhöht worden sein, denn die Zahl der Exulanten stieg sprunghaft an. Den unrühmlichen Höhepunkt erreichte die „Bekehrung”, als am 7. und 8. April 1668 alle Männer, und eine Woche später die Frauen, von Gefolgsleuten des Grundherrn, Joh. Friedr. Graf v. Waldstein, in die Fleyher Kirche zur Beichte und Kommunion getrieben wurden.
Zu körperlichen Mißhandlungen kam es dabei wahrscheinlich nicht. Jedenfalls gibt es dafür keinen Hinweis. Die Bewohner der Pfarre Fleyh wußten ja, wie es jenen in Moldau ergangen war, die sich der Bekehrung widersetzten. Also fügten sie sich ihrem Schicksal und folgten den Bewaffneten.

Die inhaltlich übereinstimmenden Aussagen von Martin Göhler, Michael Rauer und Michael Hegewald, Richter, alle aus Georgensdorf, wurden von Georg Loesche wie folgt zusammengefaßt:
..... alle wurden durch die Amtleute in den Dörfern aus den Häusern zusammen gesucht und mit Gewalt durch Musketiere wie das Vieh nach Fleyh zur Kirche getrieben; die Beamten ritten voran; dann folgten die Untertanen, dann Musketiere mit brennenden Lunten; Sonnabend und Sonntags nach Ostern galt es den Männern, nach 8 Tagen den Weibern, trotz alles Lamentierens, die Kranken auf Schlitten. Damit vorher niemand entwich, ritten Beamte tag und nacht in den Dörfern auf und nieder.

Anstelle der Musketiere werden in mehreren Protokollen Duxer Bürger mit Musketen und brennenden Lunten genannt. In Dux waren ja bereits 1650 „alle Bürger mit Weib und Kind aufrichtige Katholiken”. (Schlenz, Seite 40)

Ergänzend noch die Aussage des Christoph Preißler aus Motzdorf, der mit seinem Weib und 7 Kindern nach Ullersdorf 9 geflüchtet war. Dort bekannte er vor dem Richter, daß er der Religion halber gewichen,
„sintemal er gesehen, wie da Leute selbigen Ortes mit Zwang und Drang zu der katholischen Religion, die Gesunden mit gewappneter Hand und die Kranken mit Schlitten geführet und ihnen das hochwürdige Sakrament mit Gewalt ohne Betrachtung einiger gebührender Andacht in den Mund gestoßen worden.” 10

Besonders erwähnt werden soll der wiederholte Wortbruch und die skrupellose Vorgangsweise des Grafen Joh. Friedrich v. Waldstein in Zusammenhang mit der Bekehrung seiner Untertanen.
Ein Beispiel:
Schon 14 Tage vor dem oben beschriebenen 7. April, am 23. März 1668, waren die Richter von Fleyh, Motzdorf, Georgensdorf, Willersdorf und Langenwiese nach Dux gekommen, um dem Grafen eine „Supplication” zu überreichen, in welcher sie inständig baten, bei ihrem lutherischen Bekenntnis belassen zu werden. Nachdem Waldstein die Bittschrift gelesen hatte, hielt er sie bis spät in den Abend, als man wohl eine Stunde schon Licht gebrannt, auf und setzte ihnen zu, nach dem kaiserlichen Befehl römisch-katholisch zu werden. Von jedem verlangte er die Zustimmung durch Handschlag. Vorher ließ er keinen aus dem Zimmer, sollten sie auch Jahr und Tag da bleiben. Endlich habe er sie auf vieles Flehen losgelassen und versprach den Richtern eine Frist bis Pfingsten, den anderen Untertanen aber nur 14 Tage. Wer nicht bereit wäre zu beichten und zu kommunizieren, der müsse Weib und Kind und alles was er habe verlassen und könne dann an einem Stecken davon und hingehen wo er wolle. (Vom Autor gekürzte Aussage des Georgensdorfer Richters Michael Hegewald).

Schon am nächsten Tag, noch ehe der Georgensdorfer Richter wieder daheim war, erschien der Graf persönlich in Fleyh, ließ alle Bewohner der 5 genannten Dörfer in das Pfarrhaus rufen und verlangte von jedem durch Handschlag die Zusage, innerhalb der nächsten 14 Tage die hl. Sakramente zu empfangen. Als der Motzdorfer Richter den Handschlag verweigerte und den Grafen an seine versprochene Frist bis Pfingsten erinnerte, ließ der Graf nicht ihn nach Dux ins Gefängnis bringen, sondern schickte sofort einen Wagen mit 2 Reitern auf das Gut des Motzdorfer Richters um sein Weib und seine Kinder, sowie Vieh und Vorrat und alles was er hatte abzuholen und nach Dux in Haft und Verwahrung zu schaffen.
Da gab auch dieser Richter den Handschlag und ein Reiter holte den Wagen zurück.

Andere Beispiele beschreibt Georg Lösche und nennt Graf Waldstein : „Peiniger und Betrüger seiner Untertanen”.
Johann Friedrich Graf v. Waldstein wurde 1668 zum Bischof von Königgrätz ernannt (konf. 1673) und Erzbischof von Prag von 1675 bis 1694.
Joh. Schlenz, Theologieprofessor am bischöflichen Priesterseminar in Leitmeritz, bezeichnet ihn als
„außerordentlich verdienstvollen Kirchenfürsten”.

Wenn man in verschiedenen Geschichtsbeschreibungen lesen kann, daß die Protestanten aus Böhmen „vertrieben” wurden, so stimmt das für die Pfarre Fleyh sicher nicht. Jedenfalls nicht im engeren Sinn des Wortes. Im Gegenteil! Mit allen Mitteln versuchte Graf v. Waldstein die Flucht seiner Untertanen zu verhindern. Aus diesem Grund ließ er in der kritischen Phase alle Dörfer rund um die Uhr durch seine Beamten bewachen
In Georgensdorf waren der Hauptmann von Dux, sein Reitknecht und anfangs der Burggraf von Oberleutensdorf dafür verantwortlich. Später wurde der Burggraf von Oberleutensdorf nach Motzdorf versetzt. Seine Stelle übernahm der Kornschreiber.
In Motzdorf hatten sich zunächst der Oberwaldbereiter von Riesenberg und ein Schütze, beide zu Roß, beim später geflüchteten Franz Panzner einquartiert. Sie wurden abgelöst vom Burggrafen von Oberleutensdorf und dessen Sohn, ebenfalls beide zu Roß. Der Oberwaldbereiter und der Schütze zogen nach Willersdorf um dort die Wache zu übernommen. In allen Orten wurden die Beamten durch Schützen des Grafen und durch bewaffnete Bürger aus Dux unterstützt.

Es ist daher nicht verwunderlich, daß viele Familien erst nach ihrer Zwangsbekehrung, als die Bewachung nicht mehr so streng war, bei günstiger Gelegenheit Haus und Hof verlassen haben, um als überzeugte Lutheraner in Sachsen ein neues Leben zu beginnen.
In einem Schreiben vom 26. März 1669 beklagt sich Graf v. Waldstein beim Kaiser über die ihm entlaufenen Untertanen :
Nachdem der durch den Friedensschluß gesetzte terminus emigrationis vor vielen Jahren verstrichen und er auf k. Befehl die „Reformation” vorgenommen, sie auch gutwillig die rk. Religion angenommen, sind sie lange hernach bis in die 30 Wirte aus lauter Mutwillen nach Sachsen entwichen, die als mere fugitivos wieder herbeizubringen er befugt sei. Er bittet den Kaiser, seinem Residenten in Dresden aufzutragen, ihm dabei behilflich zu sein.


Wieviele Einwohner der Pfarre Fleyh sind geflüchtet und wieviel Prozent der Bevölkerung waren es ?

Für die Schätzung der Zahl der Geflüchteten ist die Bergmannsche Exulantensammlung die wichtigste, wenn auch nicht die einzige Quelle. Geordnet hat Alwin Bergmann alle gesammelten Exulanten nach :

- Adelige Geschlechter, Teil 1
- Gelehrte und Künstler, Teil 2
- Bauern, Bürger, Handwerker, Teil 3

Innerhalb dieser Gruppen gibt es alphabetische Reihungen, sowohl nach Namen, als auch nach den Niederlassungsorten. Leider nicht nach Herkunftsorten !
Die Bergmannsche Exulantensammlung besteht aus 60 handgeschriebenen Bänden, einschließlich diverser Nachträge und Ergänzungen.

Ich habe versucht, die Flüchtlinge aus den Dörfern der Pfarre Fleyh von 1659-1669 herauszusuchen und habe 84 Einzelpersonen, Ehepaare und Familien gefunden, insgesamt 387 Personen.

Obwohl Doppelzählungen nicht auszuschließen sind und einige Familien aufgrund von Versprechungen - die später nicht eingehalten wurden - wieder zurückkehrten, können 350 geflüchtete Personen als unterer Schätzwert betrachtet werden.

Dies deshalb, weil

- Bergmann möglicherweise nicht alle Emigranten erfaßt hat,

- bei vielen Namen der genaue Herkunftsort fehlt. Manchmal steht lediglich „aus der Herrschaft Dux”, oft steht überhaupt nur „ein Exulant aus Böhmen”. Diese Fälle wurden in meine Zählung nicht aufgenommen.

- bei einigen Wirten aus der Pfarre Fleyh die Zahl der Familienmitglieder fehlt.

- ich einige Namen übersehen haben könnte. Die Bergmannschen Exulantenbücher standen mir in Wien nur als - teilweise stark unterbelichtete - Mikrofilme zur Verfügung.

Unter der Signaturnummer 30554 befindet sich im Sächsischen Hauptarchiv Dresden der gesammelte Schriftverkehr betreffend „die aus der Herrschaft Dux entwichenen Untertanen 1669”. Er enthält auch drei - leider nicht genau übereinstimmende - Verzeichnisse der Geflüchteten. Die Auswertung ergibt insgesamt 312 Personen aus der Pfarre Fleyh.
In diesen Verzeichnissen fehlen jedoch mit Sicherheit einige Familien, aber nicht alle, die schon vor 1667 ihre Heimat verlassen hatten. Z. B.:

- Einhorn Paul aus Fleyh mit seiner Familie (zusammen 8 Personen), der 1659 nach Clausnitz zog.

- Hegewald Kaspar aus Georgensdorf, ein Witwer mit 5 Kindern, 1659 nach Kämmerswalde.

- Hegewald Christian mit Mutter und Schwester, ebenfalls 1659 nach Kämmerswalde.

- Liebscher Georg aus Fleyh, 1665 nach Neuwerndorf.

Als am 24. Juni 1670 die Kapuziner-Patres Wilhelm, Zacharias und Heinrich ihre Mission beendeten und in ihr Kloster zurückkehrten, übernahm der Moldauer Pfarrer Martin Gebhardt bis Oktober 1670 auch das Fleyher Kirchspiel. Nach der Übernahme hatte er 565 Seelen zu betreuen, davon 206 Moldauer.11 Folglich zählte im Juni 1670 die Pfarre Fleyh 359 Seelen.

Die Größenordnung der Zahl der Pfarrmitglieder von Fleyh wird durch folgende Schätzung bestätigt :
Die Kapuziner hatten bis zum Winter 1669 / 70 in den Dörfern Fleyh, Motzdorf, Georgensdorf, Willersdorf und Langenwiese alle noch vorfindlichen Lutheraner, vom zwölften Lebensjahre angefangen, bekehrt. Insgesamt wurden von ihnen während ihrer dreijährigen Tätigkeit in den genannten Dörfern 373 Personen bekehrt und 77 getauft.12.
Wir wissen nicht, ob die Zahl von 450 Personen auch jene Personen enthält, die in diesem Zeitraum nach der Taufe oder Bekehrung verstorben sind. Wahrscheinlich müßte man diese Verstorbenen von den 450 abziehen, um auf die Einwohnerzahl im Jahre 1670 zu kommen. Auf alle Fälle sind die Bewohner von Langenwiese abzuziehen, wodurch sich eine Zahl unter 400 ergibt. Subtrahiert man nun auch noch jene, die nach ihrer „Bekehrung” nach Sachsen geflüchtet sind und addiert man die Kinder im Alter zwischen 3 und 12, so dürfte sich ebenfalls eine Seelenzahl (= Einwohnerzahl) zwischen 300 und 400 ergeben.


Zusammenfassend kann gesagt werden :

In den Jahren 1659-1669 flüchteten mindestens 350 lutherische Bewohner aus Fleyh, Motzdorf, Georgen(s)dorf und Willersdorf nach Sachsen. Bei der Wiedererrichtung der katholischen Pfarre Fleyh im Juni 1670 waren „359 bekehrte Seelen” verblieben.


Der Leser möge selbst die eingangs zitierte Aussage des letzten Bürgermeisters von Fleyh, Josef Straßberger, beurteilen.


Was geschah mit den verlassenen Höfen ?

Die Kirchenmatriken der Pfarre Fleyh beginnen im Jahre 1667. Es fallen vielen Familiennamen auf, die in der Berni Rula 1654 nicht enthalten sind.

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit, einige Beispiele:

- in Fleyh : Dörl, Haber, Liebscher, Markel, Wagner, Walter, Wolf

- in Motzdorf : Goepfert, Löwe, Wiedemann

- in Georgensdorf : Fritsch, Han, Müller, Schuman

- in Willersdorf : Glöckner, Göllert, Streibel


Die Berni Rula enthält bei den Dörfern der Pfarre Fleyh nur zinspflichtige Bauern, d. h. Einwohner, die Felder besaßen. Außerdem je einen „Gärtner” in Fleyh und in Georgensdorf.
Es fehlen Handwerker, Waldarbeiter, Jäger in herrschaftlichen Diensten, etc., doch wäre es naheliegend, wenn auch diese Menschen die gleichen Familiennamen tragen würden wie die Bauern.
Es konnte ja immer nur ein Sohn den Hof erben, die anderen Söhne mußten ihr tägliches Brot auf andere Weise verdienen.

Wenn nun die große Zahl „neuer” Familiennamen auffällt, drängt sich die Frage auf, ob es nach der Flucht der Lutheraner zu Neuansiedlungen gekommen ist. Wurden die leerstehenden Höfe vielleicht unter günstigen Bedingungen an junge katholische Ehepaare aus anderen Gebieten vergeben ?
Aus den Oberleutensdorfer Weglaßbriefen läßt sich in dieser Zeit kein überdurchschnittlicher Zuzug aus anderen Herrschaftsbereichen Böhmens erkennen.

Konnte Graf v. Waldstein junge Katholiken aus anderen Teilen der Herrschaft Dux zur Übersiedlung nach Fleyh bewegen, oder kamen vielleicht Neuansiedler aus Bayern oder Österreich, wie dies in anderen Teilen Böhmens der Fall war ?

Für diesbezügliche Hinweise oder Anregungen für die weitere Suche wäre ich sehr dankbar !





Anschrift des Autors:

Günter Kallinovsky
A 1210 Wien, Stephensongasse 1 / 4 / 12


Literatur :

Johann Ev. Schlenz : Geschichte des Bistums und der Diözese Leitmeritz, II. Teil

Superintendent Hasse : in den Mittheilungen des Vereins für Geschichte der Deutschen in Böhmen, XVII. Jahrgang, 1879

Viktor Karell : Das böhmische Erzgebirge

Georg Loesche : Die böhmischen Exulanten in Sachsen, Jahrbuch der Gesellschaft für die Geschichte des Protestantismus im ehemaligen Österreich, 42.-44. Jahrgang 1923

Alwin Bergmann : Die Exulanten in Sachsen („Bergmannsche Exulantenbücher”)

Rudolf Hemmerle : Sudetenland



1 Veröffentlicht in „Sudetendeutsche Familienforschung”, 7. Jahrgang, 1934-35

2 Veröffentlicht in Computergenealogie, Magazin für Familienforschung

3 Die Jahreszahl wurde dem Buch „Sudetenland” von R. Hemmerle entnommen. Nach einer anderen Quelle wurde die Kirche erst 1583 erbaut.

4 Memorabilia der Fleyher Pfarrey, Statni okresni archiv v Moste

5 Superintendent Hasse

6 Berni Rula 1654

7 Auf sächsischer Seite, in unmittelbarer Nähe zur Grenze gelegen.

8 Superintendent Hasse

9 Ullersdorf bei Sayda in Sachsen

10 Originalprotokoll im Sächs. Staatsarchiv, Dresden

11 Memorabilia der Fleyher Pfarrey,

12 Joh. Schlenz


Weitere Beiträge zur Geschichte der Pfarre Fleyh:
http://familienforschung-kallinovsky.heim.at/