Der alte Handelsweg von Ossegg in Böhmen über das Erzgebirge nach Rechenberg in Sachsen.

Die Brücke von Fleyh.




Fleyh1

Im Vordergrund die Brücke über den Oberlauf der Fleyh,
im Volksmund „Schmiedbrücke“ genannt.


Das Pfarr-Dorf Fleyh lag am Plateau des böhmischen Erzgebirges, in einer windgeschützten flachen Mulde am Oberlauf des gleichnamigen Flusses.

Es entstand an einem uralten Handelsweg auf halber Wegstrecke zwischen Ossegg / Riesenburg und Rechenberg.

Wenn wir uns zunächst mit diesem Handelsweg über das Erzgebirge befassen, muss in diesem Zusammenhang auch das böhmische Adelsgeschlecht der Hrabischitzen ( auch: Hrabischitze, Hrabischitzer, Hrabišici etc. ) erwähnt werden:

Sitz der Hrabischitzen war im 12. Jahrhundert die alte Burg „Osek”.
Bei der Burg Osek und dem dazugehörigen Burgflecken ( dem späteren Pfarrdorf „Alt-Ossegg” ) wurde 1196 das Zisterzienserkloster Ossegg gegründet, eine Stiftung Slavkos I. ( auch Slavko der Große ) aus dem Geschlecht der Hrabischitzen.

Ende des 12. und im 13. Jahrhundert dehnten die Hrabischitzen ihre Besitzungen über das Erzgebirge bis weit in das heutige Sachsen aus:

Schon vor 1200 hatte Slavko I., Burggraf in Bilin und Oberkämmerer des böhmischen Königs Ottokar I., die Burg und Zollstätte Sayda errichtet.
Ca. 1200 erbaute Borso I. ( Boresch I., Bore
š I. ) Burg Purschenstein ( der Name kommt von Borsenstein ).
Ca. 1270 entstand die Burg und Zollstätte Rechenberg. Der Name kommt von dem Wappenzeichen der Hrabischitzen, dem Rechen ( hrab
ĕ = Graf; hrábĕ = Heurechen ).
Auch der Name des alten Waldhufendorfes ”Cämmerswalde” weist auf den Gründer, den Oberkämmerer Slavko I. hin und der Name der Gemeinde „Pfaffroda” erinnert daran, dass das Gebiet am Beginn des 13. Jahrhunderts von Pfaffen des Klosters Ossegg gerodet wurde.

Zu hause” begann Borso II. zwischen 1240 und 1250 mit dem Bau einer neuen Burg, der Riesenburg, ca. 2 km nordwestlich vom Kloster Ossegg.
Von nun an nannten sich die Hrabischitzen auch die „Herren von Riesenburg”.

Die alte Burg Osek verfiel. Heute sind nicht einmal Ruinenreste erhalten und wir kennen den genauen Standort der alten Burg Osek nicht.

In alten tschechischen Dokumenten wird die Riesenburg ( tschech.: Rýzmburk ) auch manchmal Burg ( Feste, Schloss ) „Osek“ genannt. Man muss also aufpassen, um eine Verwechslung mit der alten Burg Osek zu vermeiden!

In der Zeit, in der das heute zu Sachsen gehörende Gebiet auf der nordwestlichen Seite des Ost-Erzgebirges von Böhmen aus mit deutschsprachigen Kolonisten besiedelt wurde und die Hrabischitzen nicht nur die Grundherrschaft Riesenburg, sondern auch die neu entstandenen Herrschaften Sayda, Purschenstein und Rechenberg besaßen, war die Verbindung von Böhmen über das Erzgebirge in das heutige Sachsen, von besonders großer Bedeutung.

Die Verbindungswege, die von der Riesenburg über das Erzgebirge führten, dürften schon im 13. Jahrhundert folgenden Verlauf gehabt haben:

Der von Dux kommende Weg führte über Ossegg zur Riesenburg, wo noch im 16. Jahrhundert am Fuße der Burg, in Riesenberg, Zoll eingenommen wurde. Wir können diese Information einer Steuerliste entnehmen, die 1549 in die Böhmische Landtafel eingetragen wurde.2 In diesem Dokument wird Riesenberg alttschechisch: „Miesteczko pod Wosekem” genannt, also Städtchen unterhalb von Wosek. Mit „Wosek” ist natürlich Burg Wosek ( Osek ), also die Riesenburg gemeint3. ( Vielleicht müsste man in diesem Fall „Miesteczko” nicht mit Städtchen, sondern mit Stättchen übersetzen, denn ein Städtchen war diese kleine Siedlung, die damals nur 4 zinspflichtige Untertanen hatte, sicher nie. )4
Von Riesenberg ging der „Riesenberger Steig” hinauf nach Langewiese.

Von Brüx führte eine Straße zunächst nach Ladung. Dort wurde umgeladen! Dann schlang sich der Weg um den Droscheberg5 hinauf nach Langewiese, wo sich die beiden Wegstrecken aus Ladung und Riesenberg vereinten.

Über das Alter dieser beiden Aufstiege auf die Hochfläche des Erzgebirges sei folgendes vermerkt:

Auch wenn wir die genaue Lage der alten Burg Osek nicht kennen, so wissen wir doch, dass sie in der Nähe der Klosters Ossegg am Fuße des Erzgebirges lag. Die Lage der Burg war sicher nicht zufällig an dieser Stelle! Wir können davon ausgehen, dass ein alter Handelsweg über das Erzgebirge vorbei führte.
Der „Riesenberger Steig“, also der Anstieg von Riesenberg nach Langewiese, hatte an seiner steilsten Stelle ein außergewöhnliches Flachpflaster um die Steilheit leichter überwinden zu können und den Weg gegen das Auswaschen durch Regenwasser zu schützen. Hallwich6 zitiert in diesem Zusammenhang den Straßenbau-Fachmann Prof. Franz Ritter von Rziha der die Bauzeit der Straße aufgrund dieser eigentümlichen Pflasterung „mindestens in die romanische Bauperiode, also in das 11. oder spätestens das 12. Jahrhundert“ verlegt.
Gustav Laube7 macht darauf aufmerksam, dass nicht nur der Name des Dorfes „Ladung” auf einen alten Verkehrsweg hinweist, sondern auch die Anlage von „Langewiese“, ein Straßendorf, für eine sehr alte Wegführung bezeichnend ist.

Von Langewiese lief der „Ossegger Steig“ in Richtung Fleyh, zunächst über den Fleyhberg und dann hinunter zum Fleyhbach. Kurz nach der Überquerung des Wassers gabelte sich der Weg:

Geradeaus ging es nach Rechenberg.

Nach links zweigte der „Mönch(s)steig” ab. So genannt, weil er vor allem von den Ossegger Mönchen benutzt wurde. Der „Mönchssteig” lief den Ilmberg entlang Richtung Georgensdorf8 ( das aber erst zwischen 1586 und 1590 entstand ), querte den Grenzbach über den „Mönchs- oder Mönchensteg“9 und führte dann über Cämmerswalde nach Sayda.

Ganz bestimmt machten die Reisenden an der Weggabelung am Ufer des Fleyhbaches eine Pause, um sich zu erfrischen und die Pferde zu tränken. Für die Mönche war es wahrscheinlich auch ein Ort des Gebetes. Außerdem ging es nach dieser Weggabelung wieder bergauf, egal in welche Richtung man unterwegs war und vor einem Anstieg wird üblicherweise gerastet. Möglicherweise gab es dort schon sehr früh ein Wegkreuz, vielleicht sogar eine Kapelle.

An dieser Stelle entstand das spätere Pfarrdorf Fleyh.

Die erste gesicherte urkundliche Nennung finden wir im Stadtbuch von Dux, wo 1413 ein Merteyn, Richter von der Flewe genannt wird.





Die Brücke von Fleyh, ein beliebtes Motiv auf vielen alten Ansichtskarten, wird auch in der Böhmischen Landtafel genannt, wo 1583 die Besitzungen des Mathaus Diepold von Lobkowitz eingetragen wurden. Auf der 3. Seite dieses Eintrages finden wir einen Absatz, in dem ein Grenzverlauf beschrieben und die Brücke ausdrücklich erwähnt wird. Der Absatz wird hier vollständig wiedergegeben.



Aus der Böhmischen Landtafel, 158310:


Item auch zu diesem Teil, stelle ich fest und belege hier ein Stück
Wälder und Berge von der Oseker Herrschaft, wie jetzt
die Grenzen ordentlich gekennzeichnet sind. Zu-
nächst beginnend beim Grund des Klosters
Osek
auf dem Weg der den Namen Deutzendorfer
11 Weg trägt
den Weg aufwärts, wobei der Weg teilt
12 führend
über die Anhöhe, genannt Fleyberg, hinunter zur Brücke
welche nun über das Wasser mit dem Namen Fley ist, von
hier über die Brücke teilt der Weg durch das Dorf Flaje Und
auf diesem Weg geht die Grenze von Flaje
zum Lohnhaus
13, bis auf den Weg namens Mönchs-
weg oder Mönchssteig. Und danach
der Weg namens Mönchsweg oder Mönchssteig
der teilt über den Berg namens Burgberg hinunter bis
zur Wiese
14 in Kämmerswalde, welche in Streit
mit dem Schönberg
15 ist, sowie hierauf durch
die Heger gekennzeichnet wurde und die Stelle auch
durch Grenzsteine markiert ist
—— Und von hier zur Mei-
ßner Grenze bis auf den Weg namens Re-
chenbergerweg, und von hier vor bis zu Herrn Lit-
v
íns16 Grenzen bis zu der Buche, genannt
Mönchs Kappen.

bis auf den Weg, wel-
cher läuft in das Dorf
Flaje, danach der
Weg teilt

Aus der Formulierung: „ … hinunter zur Brücke welche nun [ im tschechischen Originaltext: nyni = nun, jetzt ] über das Wasser mit dem Namen Fleyh ist … “ könnte man schließen, dass die Brücke in der Mitte des 16. Jahrhunderts neu errichtet wurde.

Eine Brücke über den Oberlauf der Fleyh, sehr wahrscheinlich genau an der oben beschriebenen Stelle, also als Teil des alten Handelsweges, finden wir bereits im Kaufvertrag von 1398, als die Pflege Riesenburg an Markgraf Wilhelm I. von Meißen verkauft wurde. Im Verzeichnis des Zubehörs zu Schloss Riesenburg heißt es17:
„Item eyn fischer, der do fischet in der Flew neder der Bruckin, der gebit das jar XII schock foren [ = Forellen ] … “

Viele die ihre Kindheit in Fleyh verbracht haben, werden sich noch an die Forellen im Fleyhbach erinnern.



Fleyh gibt es nicht mehr. Nach der Aussiedlung der deutschsprachigen Bevölkerung nach dem 2. Weltkrieg hörte das Dorf auf zu existieren.
Die letzten leerstehenden Häuser wurden Ende der 1950 er Jahre geschleift. Die denkmalgeschützte Holzkirche wurde nach
Český Jiřetín versetzt.

Dort wo die Brücke über den Oberlauf der Fleyh führte, befindet sich heute ein Trinkwasser-Stausee. Nur an wenigen Tagen, wenn der Wasserspiegel sehr niedrig ist, kann man die Reste der alten Brücke noch sehen.


Günter Kallinovsky,
Februar 2011


Weitere Artikel über Fleyh unter:

http://familienforschung-kallinovsky.heim.at



1Die drei in diesem Artikel abgebildeten Ansichtskarten von Fleyh wurden von Thomas L. Koppe, Chemnitz, im Internet publiziert.

2Národní archiv v Praze DZV 45, E 15

3Das Duxer Stadtbuch spricht von dem „stetel vnder Risemburg“

4Die Zollstätte Rechenberg, am anderen Ende des Gebirgsüberganges, wird in alten Dokumenten ebenfalls wiederholt „Städtlein unterhalb der Burg“ genannt, obwohl Rechenberg kein Stadtrecht besaß und die alte Zollstätte Neustadt ( Nové Město ), zwischen Niklasberg ( Mikulov ) und dem heutigen Grenzübergang Moldava gelegen, war auch immer nur ein kleines Dorf.

5Drosche von draha, droha = Weg? Vergl. auch den etymolog. Ursprung von droka = Droschke = leichtes Pferdefahrzeug

6Dr. Hermann Hallwich in den Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Deutschen in Böhmen; 32. Jahrgang, Prag 1894, Seite 121

7Prof. Dr. Gustav C. Laube: „Alte Wege über das Erzgebirge … “ in den Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Deutschen in Böhmen; 41. Jahrg., 1903

8Früher wurde in Kirchenbüchern und anderen Dokumenten bei Georgensdorf immer das Genetiv-“s“ geschrieben, also Dorf des Georg(en). Erst später wurde aus Georgensdorf > Georgendorf ( ohne „s“ ).

9In einer Niederschrift aus dem Jahre 1599 wird darauf hingewiesen, dass Hans Hase seine Brücke in Georgenthall ( = Georgensdorf ) anstatt eines Steges, der „Münchensteegk“ genannt wurde, angelegt hat.
Stadtarchiv Freiberg, Dokument Aa Ib III 5

10Národní archiv v Praze DZV 67, E 11
Die Übersetzung aus dem Alttschechischen erfolgte im Wesentlichen durch Herrn Gerhard Kutnar, Ahnenforscher in CZ 46844 Josef
ův Důl 178/Z 19

11Deutzendorf, tschech.: Domaslavice, zwischen Osek und Hrob.

12Der Weg teilt = der Weg bildet die Grenze.

13In den Lohnhäusern wurde den Holz- und Flößarbeitern der Lohn ausbezahlt. Das genannte Lohnhaus wurde in der Mitte des 16. Jahrhunderts an der Straße nach Rechenberg errichtet und zwar auf der böhmischen Seite der böhm./sächs. Grenze; dort wo später das bekannte Wirtshaus „Battlecke“ stand.

14Andere Übersetzungsmöglichkeiten des Wortes „laucze” wären:
loue = Wasserlache oder lávka = Steg ( übers Wasser ).
Die Übersetzung „Wiese” wurde auch deshalb gewählt, weil die Cämmerswaldener Bauern in dieser Zeit Zinshaine auf der böhmischen Seite der Fleyh besaßen. Wahrscheinlich auch eine Zinswiese, denn der Weg von den Zinshainen nach Cämmerswalde hieß „Heuweg”. Stadtarchiv Freiberg, Dokument A a I b III 5

15Grundherr der Herrschaft Purschenstein, zu der auch Cämmerswalde gehörte, war zu dieser Zeit:
Heinrich von Schönberg.

16Litvín v. Lobkowicz, Grundherr der Herrschaft Bilin, zu der auch das nördlich angrenzende Gebiet gehörte, starb bereits 1580.
Eine andere Übersetzung wäre: „ ... bis zu den Grenzen des [Grund-] Herrn [von] Litvinov [ = Oberleutensdorf ]“

17Dr. Hans Beschorner: „Die Erwerbung Riesenburgs durch Markgraf Wilhelm I. von Meißen.“
Im Neuen Archiv für sächsische Geschichte und Alterthumskunde; Beiheft zu Bd. XXI, Dresden 1900