Die Entstehung von Georgendorf ( Český Jiřetín ) im böhmischen Erzgebirge.



Immer wieder kann man lesen, dass Georgendorf im Jahre 1592 entstanden sei und nach dem damaligen Grundherren Georg von Lobkowitz „Georgendorf“ benannt wurde.

So schreibt zum Beispiel Vít Joza in seinem Büchlein „Der Flößgraben Fleyh Clausnitz”: „Český Jiřetín ( Georgendorf ) wurde von Georg von Lobkowitz als Holzhauersiedlung im Jahre 1592 gegründet.“ ( Seite 44 )
Auch auf einer tschechischen Wanderkarte und sogar auf der Speisekarte des Gasthauses „Grenzhof” in Deutschgeorgenthal konnte ich als Gründungsjahr von Georgendorf 1592 finden. ( Leider immer ohne Quellenangabe )

Als Quelle vermute ich den Artikel „Die Hasenbrücke”, den Kurt Löffler aus Clausnitz 1957 in der Zeitschrift „ Die Blende“ publizierte.

In dieser Arbeit berichtet Kurt Löffler über ein Dokument aus dem Jahre 1599, welches sich im Stadtarchiv Freiberg befindet und aus dem die Entstehung und das Gründungsjahr von Georgendorf herausgelesen werden kann.

Die von Kurt Löffler beschriebene Entstehungsgeschichte in gekürzter Darstellung:

In der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts besaß der Bürgermeister von Dresden, Hans Hase, ein Hammerwerk in Dorfchemnitz / Sachsen. Für den Betrieb benötigte er Holzkohle. Das Holz dafür kaufte er vom Grafen Georg von Lobkowitz dem Jungen für 600 Thaler in Böhmen, unmittelbar jenseits der sächsisch / böhmischen Grenze. An dieser Stelle wurde das geschlagene Holz auch gleich verkohlt. Damit er die Holzkohle auf kürzestem Wege zu seinem Hammerwerk bringen konnte, ließ er ebendort dort eine Brücke über den Grenzfluss Fleyh errichten.
Auf sächsischer Seite geriet Hans Hase wegen dieses „illegalen“ Grenzübertrittes mit dem Besitzer der Herrschaft Purschenstein, Caspar von Schönberg, in Streit, welcher 1586 durch Vermittlung des Kurfürsten beigelegt werden konnte. Hans Hase durfte „seinen“ Grenzübergang behalten und musste dafür dem Herrschaftsbesitzer, Caspar v. Schönberg, jährlich 12 Gulden bezahlen.
Weiters schreibt Kurt Löffler wörtlich: „Nachdem Hase einige Jahre drüben in Böhmen Holz geschlagen hatte, und der Wald gar abgetrieben war, wurde an dieser Stelle ein neues Dorf gegründet. Das geschah, wie 1599 festgehalten wurde, vor 7 Jahren, also 1592. Dieses neue Dorf wurde nach seinem Grundherrn, Georg dem Jüngeren von Lobkowitz, Georgenthal genannt. Dieser Name ist später in Georgendorf geändert worden .......“

Der heutige Grenzübergang in Georgendorf, der nur für Fußgänger geeignet und zugelassen ist, trägt noch immer den Namen „Hasenbrücke“.

Diese sehr plausible Geschichte hat allerdings einen Schönheitsfehler:

Nach meinem bisherigen Wissensstand lebte 1592 kein Georg v. Lobkowitz;
weder in der Herrschaft Dux, zu der Georgendorf gehörte, noch in der Nachbarherrschaft Bilin, die ebenfalls im Besitz einer Lobkowitz-Familie war.
Besitzer der Herrschaft Dux war damals wahrscheinlich Adam Havel v. Lobkowitz, ( * 9. 10. 1557, Suizid 16. 5. 1605, begraben in Dux ).
Adam Havels Vater, Vaclav, war schon 1574 verstorben.
Adam Havels älterer Bruder Jiří ( = Georg ), der am ehesten in Frage käme, starb am 11. 9. 1590 und ist in Prag begraben.


Entweder wurde Georgen(s)thal, das später Georgensdorf und noch später Georgendorf genannt wurde, tatsächlich 1592 gegründet und nach dem damals bereits verstorbenen Georg von Lobkowitz benannt oder das Dorf wurde noch zu Lebzeiten des Georg v. Lobkowitz ( also vor dem 11. 9. 1590 ) errichtet.


Für die Entstehung vor 1590 spricht folgende Überlegung:

Dem alten Gerichtsbuch von Fleyh / Georgen(s)dorf 1606 – 1706 können wir entnehmen, dass die Lobkowitz neu gerodete Grundstücke, so genannte „Neue Räume“, an ihre untertänigen Bauern verkauften. Der Preis dafür betrug am Beginn des 17. Jahrhunderts fast immer 1 Schock ( = 60 Groschen ) pro Quadratseil. Bezahlt wurde meistens in jährlichen Raten zu 1 Schock.

Hans Hase hatte schon vor 1586 am böhmischen Ufer der Fleyh Wald gerodet und das Holz, bzw. die Holzkohle, auf kürzestem Wege nach Dorfchemnitz transportiert. Deshalb gab es ja den jahrelangen Streit mit Caspar von Schönberg, welcher erst 1586 beigelegt werden konnte. Zu diesem Zeitpunkt müssen also bereits größere Flächen gerodet gewesen sein. Warum hätten die Grundherren – Georg von Lobkowitz und nach dessen Tod sein Bruder Adam Havel – mit dem Verkauf der Gründe bis 1592 warten sollen? Sie waren ja nicht die Feinde ihres Geldes!
Mit dem Verkauf der „Neuen Räume“ an der Fleyh waren, wegen der großen Entfernungen zu den nächsten Ortschaften Motzdorf und Fleyh, zwangsläufig Neuansiedlungen verbunden.


Jedenfalls werde ich mich bemühen, die entsprechenden Stellen in dem von Kurt Löffler zitierten Dokument aus dem Jahre 1599 noch einmal anzusehen.



Günter Kallinovsky
1210 Wien, Stephensongasse 1 / 4 / 12

Dezember 2005


Weitere Beiträge zur Geschichte der Pfarre Fleyh:
http://familienforschung-kallinovsky.heim.at/