Die Entstehung von Georgendorf ( Český Jiřetín ) im böhmischen Erzgebirge.



Der Oberlauf der Flöha bildet ein paar hundert Meter die Grenze zwischen Sachsen und Böhmen. Eine schmale Brücke, die nur von Fußgängern und Radfahrern benützt werden kann, verbindet das sächsische Deutschgeorgenthal mit dem tschechischen Český Jiřetín.

Bereits 1584 oder 1585 hatte Hans Hase, Bürgermeister zu Dresden und Hammerwerksbesitzer in Dorfchemnitz / Sachsen, an dieser Stelle eine Brücke errichten lassen. Das heutige Brücklein trägt noch immer den Namen „Hasenbrücke”.

Český Jiřetín wurde bis 1945 von einer deutschsprachigen Bevölkerung bewohnt und hieß Georgendorf.

Über die Gründung von Georgendorf kann man immer wieder lesen, dass das Dorf im Jahre 1592 von dem damaligen Grundherrn Georg von Lobkowitz errichtet wurde und seinen Namen trägt. ( Leider immer ohne Quellenangabe )

So schreibt zum Beispiel Vít Joza in seinem Büchlein „Der Flößgraben Fleyh Clausnitz” auf Seite 40:
„Český Jiřetín ( Georgendorf ) wurde von Georg von Lobkowitz als Holzhauersiedlung im Jahre 1592 gegründet.”

Inhaltlich ähnlich ist die Anmerkung auf einer tschechischen Wanderkarte:
Český Jiřetín: Dorf gegründet 1592 als Gemeinde von Holzfällern. Der Name geht wahrscheinlich auf den ersten Besitzer Jiří [Georg] von Lobkowicz zurück.

Georg von Lobkowitz starb jedoch bereits am 11. 9. 1590 !

Grundherr der Herrschaft Dux, zu der auch Georgendorf gehörte, war im Jahre 1592 Georgs jüngerer Bruder Adam Gall1 von Lobkowitz * 9. 10. 1557, Suizid 16. 5. 1605, begraben in Dux ).

In diesem Beitrag möchte ich versuchen, die Widersprüche in den bisherigen Veröffentlichungen zu klären und die Entstehung Georgendorfs zu präzisieren.

Als Quelle für die oft erwähnte und nicht ganz richtig wieder gegebene Gründung Georgendorfs im Jahre 1592 vermute ich den Artikel „Die Hasenbrücke”, den Kurt Löffler aus Clausnitz 1957 in der Zeitschrift „Die Blende“ publizierte.

In diesem Artikel wird über eine Niederschrift aus dem Jahre 1599 berichtet, welche sich im Stadtarchiv Freiberg befindet und aus der die Entstehung und das Gründungsjahr von Georgendorf herausgelesen werden können.

Wörtlich schreibt Kurt Löffler: „Nachdem Hase einige Jahre drüben in Böhmen Holz geschlagen hatte, und der Wald gar abgetrieben war, wurde an dieser Stelle ein neues Dorf gegründet. Das geschah, wie 1599 festgehalten wurde, vor 7 Jahren, also 1592. Dieses neue Dorf wurde nach seinem Grundherrn, Georg dem Jüngeren von Lobkowitz, Georgenthal genannt. Dieser Name ist später in Georgendorf geändert worden ... “

Im Sommer 2006 besuchte ich das Archiv in Freiberg und konnte mit freundlicher Unterstützung von Frau Dr. Ines Lorenz die von Kurt Löffler genannte Niederschrift, datiert Frauenstein den 21. September 1599, finden und studieren.

Tatsächlich ist diesem 28 Seiten umfassenden Dokument zu entnehmen, dass vor sieben Jahren, also 1592, dort wo „das darauf gestandene Holz gar abgetrieben”, ein neues Dorf angelegt und nach Georgen von Lobkowitz, dem Jungen, Georgenthall genannt wurde.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch eine Landkarte, auf die mich Dr. Erhard Walter aus Leipzig aufmerksam machte.
Es handelt sich um die 1. Landvermessung des Kurstaates Sachsen, ausgeführt von Mattias Oeder.
Die Tafel 6 des Kartenwerkes umfasst die Herrschaft Purschenstein und auch das böhmische Grenzgebiet und wurde von Oeder im Jahre 1591 aufgenommen.
In dieser Karte ist nicht nur eine Brücke über die Flöha, unmittelbar nach dem Zusammenfluss von Fleyh2- und Grenzbach3, also die Hasenbrücke, eingezeichnet, sondern auch eine Mühle und 3 Haussymbole am Fleyhbach, ein kleines Stück oberhalb ( flussaufwärts ) von der Hasenbrücke. Dabei kann es sich nur um das spätere Georgendorf handeln!
Dr. Walter schreibt dazu: „Die eingezeichneten drei Haussymbole tragen keine Ortsbezeichnung. Vermutlich wird damit aber eine feste Besiedlung bezeichnet, die noch keinen Ortsnamen hatte.”

Aufgrund dieser Karte kann angenommen werden, dass mit der Errichtung von Georgendorf bereits 1590 oder vorher, also noch unter der Grundherrschaft Georg von Lobkowitz, begonnen wurde. 1592 wurde das Dorf nach dem damals bereits verstorbenen Grundherrn „Georgenthal” benannt.

Während in sächsischen Dokumenten der Name „Georgenthal” bis weit in das 17. Jahrhundert verwendet wurde, finden wir in Böhmen ab 1596 nur mehr die Bezeichnung „Georgen(s)dorf”.

Der kleine Ort Deutschgeorgenthal, auf der sächsischen Seite der Hasenbrücke, entstand erst später.

Nach dieser Klarstellung soll noch einmal die Entstehungsgeschichte von Brücke und Dorf, wie sie Kurt Löffler bereits 1957 dargestellt hat, in etwas modifizierter Form wiederholt werden:

In der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts besaß der Bürgermeister von Dresden, Hans Hase, einen Eisenhammer4 in Dorfchemnitz. Für den Betrieb benötigte er Holzkohle. Zur Erzeugung der Holzkohle kaufte er 15845 in Böhmen, unmittelbar jenseits der sächsisch / böhmischen Grenze, ein Stück Holz ( = Wald ), Stockraum6 auf 20 Jahre, um 600 Thaler vom Grafen Georg von Lobkowitz dem Jungen.
Das geschlagene Holz wurde auch gleich an dieser Stelle verkohlt. Damit er die Kohle auf kürzestem Wege zu seinem Hammerwerk bringen konnte, ließ er ebendort, anstelle des alten Mönchsteges7, eine 120 Ellen8 ( = ~ 68 m ) lange Brücke über den Grenzfluss Fleyh / Flöha errichten.
Auf sächsischer Seite geriet Hans Hase wegen dieses „illegalen“ Grenzüberganges mit dem Besitzer der Herrschaft Purschenstein, Caspar von Schönberg, in Streit.
Caspar von Schönberg besaß seine Zollstellen an der Straße Freiberg – Sayda – Purschenstein – Brüx und war nicht gewillt, Nebenwege zu gestatten, die vielleicht seine Einkünfte geschmälert hätten. Daher hinderte er auch Hans Hase jene Straßen und Wege zu benützen, die von Hasens Brücke über Caspar von Schönbergs Grund und Boden nach Dorfchemnitz führten.
Deshalb wandte sich Bürgermeister Hans Hase an den Kurfürsten August, Herzog zu Sachsen.
Dieser beauftragte den Berghauptmann Lorenz von Schönberg auf Reinsberg mit der Vermittlung. Beide Streitparteien wurden nach Dresden geladen und am 23. September 1585 kam es im Hause des Christof Morgenstern zu folgendem Vergleich:
Hans Hase durfte „seinen” Grenzübergang behalten und bekam eine Straße nach Dorfchemnitz zugewiesen. Hans Hasens Fuhrleute durften diese Straße nicht verlassen und nur so viel Holzkohle transportieren, wie Hans Hase für seinen eigenen Betrieb benötigte. Hans Hase musste die Straße auf eigene Kosten instand halten und für die Benützung dem Herrschaftsbesitzer Caspar v. Schönberg jährlich 12 Gulden bezahlen.

Durch diesen Vertrag entstand Rechtssicherheit. Nun konnte Hans Hase die Holzkohle ungehindert zu seinem Eisenhammer in Dorfchemnitz transportieren.

Man kann davon ausgehen, dass ab 1585 / 86 die Waldrodungen auf der böhmischen Seite der Flöha zügig vorangingen und jene freie Fläche entstand, die für eine Dorfgründung notwendig war.

So entstand Georgendorf !

Wie Georgendorf errichtet wurde, können wir anhand der Eintragungen im Gerichtsbuch ( = Grundbuch ) von Fleyh / Georgendorf 1606 – 1706 rekonstruieren.
Das Grundbuch wurde zwar erst 1606 angelegt, jedoch wird wiederholt auf ein älteres, nicht mehr erhaltenes Grundbuch, Bezug genommen.
Demnach wurden die gerodeten Grundstücke, so genannte „Neue Räume“, von den Lobkowitz und später von den Waldstein ihren untertänigen Bauern zur Nutzung überlassen.
Der Preis dafür betrug am Beginn des 17. Jahrhunderts fast immer 1 Schock ( = 60 Groschen ) pro Quadratseil. Bezahlt wurde meistens in jährlichen Raten zu 1 Schock, manchmal auch 1 Schock, 20 Groschen oder sogar 3 Schock.
Für 90 Quadratseil Grund musste also mindestens 30 Jahre lang ( in Abhängigkeit von der vereinbarten Jahresrate ) gezahlt werden.
Wahrscheinlich waren die ersten Einwohner von Georgendorf in den ersten 3 Jahren von weiteren Zahlungen befreit. Dann wurden auch noch jährlich zu St. Galli und zu St. Georgi Acker- und Wiesenzins eingehoben.

Mit der Annahme „Neuer Räume” war auch die Verpflichtung verbunden, Robotdienste zu leisten.

Wegen der großen Entfernung der „Neuen Räume” an der Hasenbrücke zu den bereits bestehenden Ortschaften Fleyh und Motzdorf war die Errichtung eines neuen Dorfes praktisch zwangsläufig.



Günter Kallinovsky
1210 Wien, Stephensongasse 1 / 4 / 12

Februar 2007

1Gall = Gallus = Havel

2Fleyh = die Flöha in Böhmen; tschechisch: Flájský potok

3Grenzbach = Rauschenbach = Steinbach; tschechisch: Bystrý potok

4Eisenhammer = Hammerwerk

5Der Zeitpunkt des Holzkaufes geht aus einem andern Dokument, ebenfalls aus dem Jahre 1599, hervor, in dem festgehalten ist, dass Hans Hase vor 15 Jahren böhm. Holz auf 20 Jahre, Stockraum, gekauft.
Archiv Freiberg, Aa I b III Nr. 10

6Kauf „ auf Stockraum”: dem Käufer wird ein Waldstück auf eine bestimmte Zeit zur Holznutzung überlassen.

7Mönchsteg; so genannt, weil er früher von den Mönchen aus Ossegg ( Osek ) benutzt wurde.

81 sächs. Elle = 56,638 cm